33 Fragen eines lesenden Wandersburschen, unterwegs im Brandenburgischen
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| Der hatte ein spanndendes Leben |
Spannung liegt in der Luft
Auf der Suche nach einem neuen Ausflugsziel werden mir immer wieder – im
Netz ebenso wie auf dem Papier – „spannende Angebote“ offeriert. In
einer Zeit mit vielen spannenden Entwicklungen, deren guter Ausgang
beileibe nicht sicher
ist, weiß ich nicht so recht, ob ich mich auf „spannende“ Radtouren,
Museumsbesuche oder Stadtführungen einlassen soll. Laut Duden kann ich
mir zwei Bedeutungen des Wortes „spannend“ aussuchen: entweder „Spannung
erregend; fesselnd“ oder „interessant“. Die
erste Bedeutung passt ja wohl eher zu einem Krimi – vorausgesetzt, er
ist gut gemacht. Oder aber das touristische Angebot hat einige
Überraschungen in petto. Da möchte ich aber gern wissen, ob es gute oder
schlechte sind. Schließlich plane ich doch nur einen
Ausflug, keinen Höllentrip!
Die zweite Bedeutung für „spannend“ gibt der
Duden mit „interessant“ an. Ein nettes Wort mit viel Potenzial. Vorerst
aber ziemlich nichtssagend. Aber ein paar starke Synonyme für
„spannend“ hat der Duden noch zu bieten: erregend,
faszinierend, mitreißend, packend, atemberaubend. Na, es geht doch!
Diagnose: Wer will schon, dass ein Ausflug als Krimi endet?
Therapie: Die spannenden Dinge überlassen wir lieber Agatha Christie und ihren Kollegen.
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| Ein ehemaliges Wandbild? |
Beziehungskisten
Einer muss sich quälen -
der Schreiber oder der Leser. Manche Schreiber denken sich: Selbst
schuld, wer es liest, und schreiben dann Sätze wie diesen: "Hier treffen
Sie, wie auf einer Kette aufgezogen, von einer landschaftlichen Perle
auf die andere." Wer ist da "wie auf einer Kette aufgezogen" - ich etwa?
Sätze wie diese kann man quälerisch zehnmal lesen, schlauer wird man
trotzdem nicht. Anderes Beispiel: "… ob Sie im Herbst auf die Suche
nach reichhaltigen Pilzsorten für den genüsslichen Verzehr gehen…" Nun
mal langsam: Sind die Pilze reichhaltig oder die Sorten, gibt es
überhaupt reichhaltige Sorten? Und wenn ja, soll ich die Pilze oder die
Sorten verzehren? Fragen über Fragen!
An den Klassiker -
den "viergeschossigen Hausbesitzer" - kommt man schnell heran, wenn man
sich mit der "ehemaligen" DDR einlässt: "Die einzelnen Etappen
ehemaliger DDR-Architektur können nirgendwo so komplex und lebendig
betrachtet werden…". Also wir wissen, dass die DDR ehemalig ist, so wie
wir ja auch immer vom "ehemaligen" Heiligen Römischen Reich deutscher
Nation sprechen. Oder? Aber vielleicht ist in hier ausnahmsweise mal die
Architektur "ehemalig". Oder der komplexe Betrachter? Keiner weiß es
genau. Beziehungen sind eben schwierig.
Diagnose: Immer wieder hört man von schwierigen Beziehungen, manche gehen sogar in die Brüche.
Therapie: Wie wäre es mit einem
Beziehungsberater?
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| Spätbarock - frühklassizistisch? |
Früh oder spät?
Hurra!
Ich kann eine romanische von einer gotischen Kirche unterscheiden, ein
Renaissanceschloss von einem Barockschloss, ein klassizistisches Bauwerk
von einem historistischen. Ich bin also der ideale Kulturtourist. Immer
interessiert an alten Gemäuern. Ganz gerne lese ich mir etwas über
mein nächstes Reiseziel an, um nichts wichtiges zu verpassen. Neuerdings
meinen es die Autoren der entsprechenden Broschüren und Flyer besonders
gut mit mir. Sie schreiben von "frühgotisch" und "Hochrenaissance",
"Spätbarock" und "frühklassizistisch". Haben die, die das schreiben,
eigentlich Ahnung von den Unterschieden? Woran kann ich sie erkennen?
Ich
halte solche Super-Genauigkeit einfach für Klugscheißerei. Außer, mir
erläutert jemand die Feinheiten und sagt gleich dazu, warum sie so
wichtig sind. Dazu fällt mir ein Beispiel ein: das Marmorpalais im
Potsdamer Neuen Garten. Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. , der
Nachfolger Friedrichs des Großen, wollte sich mit seinem Park und seinem
Schloss klar vom Vorgänger absetzen. Bei Baubeginn 1787 bestimmten noch
barocke Bauformen die Architektur von Schlössern, aber es zeigten sich
allerorten Ansätze des Klassizismus als Baustil der Zukunft. Hier kann
der Begriff "Frühklassizismus" tatsächlich weiterhelfen.
Diagnose: Gern dünkt sich ein Schreiber klüger als sein Leser.
Therapie:
Schlaumeier sind nicht immer wirklich klug. Wenn sie mir dann auch noch
die "architektonische Epoche" der Neorenaissance unterjubeln wollen!
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| Die feiern ja auch nicht Geburtstag! |
Alt wie ein Baum?
Ich
bin ein Geburtstagsmuffel. Das betrifft den eigenen Geburtstag, den ich
am liebsten unter den Tisch fallen lasse (dass man Geburtstage nicht
unter den Tisch fallen lassen kann, weiß ich selbst!), das betrifft aber
auch die Geburtstage in meiner Umgebung. Ich vergesse sie und notiere
sie mir auch gar nicht erst. Wer erinnert mich schließlich daran, am
richtigen Tag auf der Geburtstagsliste nachzugucken? Es gibt aber auch
das Gegenteil von mir. Zum Beispiel der Alt- und Rechtshegelianer
"Lorenz von Stein, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feierte".
So nachzulesen in der Wochenendbeilage einer linken Tageszeitung.
Schade, dass ich zu diesem runden Geburtstag nicht eingeladen war.
Bestimmt ging es dort - "je oller, je doller" - sehr lustig zu. Aber
vielleicht wäre dabei für uns Normalsterbliche wenig zu sehen gewesen.
Denn der Artikel, in dem der Jubilar vorkam, handelte von Gespenstern.
Es ist aber auch schwierig mit Jubilaren, die keiner kennt. Bei Jesus -
den kennen alle - sind wir es, die seinen Geburtstag feiern. Jedes Jahr,
auch wenn es kein runder ist. Wir tun jedenfalls so. Aber einer wie der
besagte Althegelianer kann nicht darauf vertrauen, dass wir seinen
Geburtstag feiern, da muss er schon selbst ran. Der Untote.
Noch
viel häufiger als die Geburtstagsfeier eines 200-Jährigen ist im
Deutsch-Sprech der Hinweis darauf, wie alt gerade einer/eine eben mal
geworden wäre. Im Jahr 2015 wäre Alois Alzheimer 100 Jahre alt geworden,
Kurt Tucholsky 125 Jahre alt und Sven Hedin sogar 150 Jahre alt. Alles
so gehört oder gelesen. Hier tobt sich das "Hätte - Könnte - Wäre"
wieder einmal in besonders optimistischer Weise aus. Man wünscht ja den
Menschen, vor allem, wenn sie Besonderes geleistet haben, ein langes
Leben. Aber 150 Jahre alt wäre niemand geworden, selbst bei bester
Pflege nicht.
Diagnose: Man sieht es mal wieder: Viele sind Journalisten geworden, weil sie nicht rechnen können. Therapie: Schon ein handelsübliches Smartphone kann Auskunft geben über die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen.
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| Kein Weg führt vorbei (gesehen in Perleberg) |
Zu Besuch bei Gott
Diesmal
fasse ich mir selbst an die Nase. Immerhin geht es um nichts geringes
als um die Begegnung mit Gott, besser gesagt mit Gottes Häusern. Bei
Touren durch Brandenburg kommt man unweigerlich an Kirchen vorbei. Und
wenn man durch viele Dörfer fährt,dann sieht man viele Dorfkirchen. Wie
aber soll man damit in einer Tourenbeschreibung im Reiseführer umgehen?
Nachdem ich festgestellt hatte, dass sich manche meiner
Tourenbeschreibung wie eine Pilgerfahrt von Kirche zu Kirche liest, habe
ich – mit Gottes augenzwinkerndem Einverständnis – der
Kirchen-Inflation Einhalt geboten und mir die folgenden Grundsätze
verpasst.
Erstens:
Eine Kirche ist erst eine Sehenswürdigkeit, wenn sie mehr zu bieten hat
als ein paar Jährchen auf dem Buckel. Ein neogotisches Bauwerk aus der
Kaiserzeit (sehr häufig) ist kaum der Erwähnung wert; dann schon eher
ein Schinkelscher Typenbau (nicht so häufig); oder eine Feldsteinkirche
(gar nicht so selten) oder vielleicht eine der seltsamen Kobination von
allen. Zweitens: Ist es eine offene Kirche oder kann ich mir zumindest
unkompliziert den Schlüssel besorgen? Drittens: Sollte es sich um eine
offene Kirche handeln, bleibt die Frage nach der Innenausstattung. Ein
mittelalterlicher Schnitzaltar, das Gemäde eine großen Meisters oder
eine Wagner-Orgel machen Kirchen auf jeden Fall erwähnenswert. Viertens
kann die Lage der Kirche ihre Erwähnung rechtfertigen: auf einem Hügel,
am Wasser, in einem historischen Dorfensemble. Und fünftens ranken sich
um Kirchen erzählenswerte Geschichten – zum Beispiel die vom Pfarrer
Schmidt in Werneuchen oder die von Paul Gerhardt in Lübben.
Und was, wenn nichts von alledem zutrifft? Dann langweilen wir eben unsere Leser nicht.
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| Eiszeitlich geprägtes Spitzbergen |
Es war kalt in der Eiszeit
Man
bekommt ihn häufig zu lesen, den Satz: "Die Landschaft Brandenburgs ist
eiszeitlich geprägt". Was soll man dazu sagen - es stimmt ganz einfach.
Nur an ganz wenigen Orten in Brandenburg besteht die Erdoberfläche aus
Gestein, das älter als zwei Millionen Jahre alt ist und damit älter als
die Eiszeiten, die bis vor 10.000 Jahren über unser Gebiet hinweggezogen
sind. Der Rothsteiner Felsen in der Nähe von Bad Liebenwerda ist so ein
seltenes Beispiel. Er entstand vor 560 Millionen Jahren auf dem Grund
eines Meeres. Was aber soll die "eiszeitliche Prägung" Brandenburgs in
Texten, die für einen Besuch des Landes werben sollen? Ist die Eiszeit
wirklich so prickelnd, dass sie Leute etwa in Süddeutschland aus den
Sesseln lockt und in Richtung Brandenburg in Marsch setzt? Wenn ich
allerdings lese: vulkanisch geprägt, dann denke ich doch gleich an die
Kanaren oder gar an die Hawaii-Inseln. Dann erzeugt meine Fantasie die
allerschönsten Bilder. Aber bei "eiszeitlich"? Da fällt mir allenfalls
Spitzbergen ein, wo heute noch die Eiszeit herrscht.
Die
Steigerung von "eiszeitlich geprägt" ist "Moränenlandschaft", oft mit
der Uckermark verbunden. Aber wer hat schon Ahnung, wie eine Moräne
aussieht? Und wenn, dann kommt die gelehrte Frage: Grundmoräne oder
Endmoräne? Die sanften Hügel, die vielen Seen, die Havellandschaft, der
Spreewald - das allermeiste, was wir an Brandenburg lieben, geht auf die
Eiszeiten zurück. Die Überbleibsel der Eiszeit sind so vielgestaltig
wie die brandenburgische Landschaft. Aber deshalb besteht kein Grund zur
Nostalgie. Niemand möchte zurück in die Eiszeit! Auch wenn ich bei
Google unter den Stichworten "eiszeitlich geprägt" auf tolle Angebote komme: "Eiszeiten bei Amazon", "Eiszeit super billig", "Eiszeiten Restposten"….
Diagnose: Der Eiszeit verdanken wir sehr viel, aber auch Heerscharen an Touristen?
Therapie: Die Suche nach anderen guten Gründen, Brandenburg zu besuchen, kann erhellend sein.
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| Es gibt ihn doch, den weißen Schimmel!!! |
Tiger wie Schimmel
Kürzlich las ich im
politischen Teil einer Zeitung über eine bekannte Politikerin, sie laufe
Gefahr, zum "zahnlosen Papiertiger" zu mutieren. Wir haben es hier
mit eklatant mangelndem Vertrauen zu tun. Nicht allein in die
Fähigkeiten der Politikerin, sondern auch in die Wirkgewalt von Wörtern.
Der "Papiertiger" war einst ein Kampfbegriff in Maos China während der
Kulturrevolution. Der Imperialismus war ein Papiertiger: einst machtvoll
und nun - so meinten Mao und seine Anhänger - auf ewig besiegt. Niemand
wäre damals auf die Idee gekommen, den "Papiertiger" auch noch mit dem
Attribut "zahnlos" zu belegen. Hätte ja sein können, jemand hätte sich
daraufhin den Papiertiger mit und ohne Zähne vorgestellt. Udn sich
totgelacht.
Was soll das in unserem
"Brandenburg-Sprech"? Auch wir sind beim Texten immer der Gefahr
ausgesetzt, den Begriffen allein nicht zu trauen und sie statt dessen
durch Attribute eher lächerlich zu machen: der naturnahe Waldweg , die
grüne Wiese, die mittelalterliche Burg, die wellige Hügellandschaft und
der allseits bekannte weiße Schimmel. Alles bekannt als
Tautologie.
Diagnose: Der zahnlose Papiertiger steht hinter jedem naturnahen Baum.
Therapie: Überlege, ob das Attribut, das du vergeben willst, nicht schon im Begriff selbst steckt.
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| Mach mal Urlaub! |
Leistungsträger tragen schwer
Soviel ist klar: Die
Beförderungsunternehmen sichern die infrastrukturelle Anbindung der
Leistungsträger im touristischen Beherbergungssegment. Die
Verpflegungsleistung kann im Rahmen einer gezielten Tourismuspolitik
natürlich nicht den Beherbergungsunternehmen und den Verkehrsträgern im
Transportbereich überlassen bleiben. Man sollte stets daran erinnern,
dass das Reisen der Verkehr zwischen dem Heimatort und einem
vorübergehenden Aufenthaltsort einer oder mehrerer Personen zum Zweck
der Regeneration, des Gelderwerbs oder aus anderen Gründen ist.
Das
ist kein Brandenburg-Sprech, das ist Deutschland-Sprech. Alles irgendwo abgeschrieben. Wer es immer
noch nicht verstanden hat: Wir reden über die schönsten Tage im Jahr,
auf die wir uns elf Monate lang freuen.
Diagnose: Selbst die Tourismusbranche soll so in die Zwangsjacke der Bürokratie gezwängt werden. Therapie: Macht mal Urlaub, ihr Tourismusalleswisser!
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| in der Nektarwelt |
Eine Welt für sich
Ich
hatte nur drei Seiten gelesen und war schon zu Gast in einer
Urlaubswelt, einer Erlebniswelt, einer Wasserwelt und in einer Welt für
sich. Nicht einmal Captain Kirk ist in so kurzer Zeit so weit
herumgekommen. Und wir ahnen schon, was in den unendlichen Weiten des
Universums noch alles lauert: die Kinderwelt, die Wohnwelt, die
Wohlfühlwelt, die Badewelt und natürlich die Einkaufswelt. Die
Hochzeitswelt und die Geschenkewelt nicht zu vergessen.
Diese
Art von Welt-Anschauung gehört zu den gängigen Übertreibungen, die in
diesem Blog schon häufig aufgespießt wurden. Der Begriff "Welt"
befördert alles und jeden in ein Abstraktum, wo auf sinnliche Weise
nicht mehr erfasst werden kann. Nur zum Vergleich: Man stelle sich erst
einen "Badestrand", dann eine "Badelandschaft" und dann eine "Badewelt"
vor. Wohin mag es einen mehr ziehen?
Diagnose: Hier versucht sich sprachlicher Provinzialismus hinter einem starken Wort zu verbergen.
Therapie: Menschen, die in "der Welt" herumgekommen sind, werden den Begriff vorsichtiger verwenden.
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| Auch die ägyptischen Pyramiden sind nicht einzigartig |
Ist einzigartig wirklich einzigartig?
Als
im Jahr 1999 Weimar die Europäische Kulturhauptstadt war, baute man in
Sichtweite von Goethes Gartenhaus ein weiteres "Goethes Gartenhaus".
Eine einzigartige Sehenswürdigkeit Weimars gab es für ein paar Monate
doppelt. Natürlich war dieses Haus kein 100-prozentiger Klon, aber
verwirrend war es schon. Und genau darauf hatten es die Künstler
abgesehen, die sich das ausgedachten: die Einzigartigkeit in Frage zu
stellen. Im Tourismus-Marketing erleben wir häufig den entgegengesetzten
Weg: Da wird für einzigartig erklärt, war ganz natürlich und
selbstverständlich einzigartig ist. Zum Beispiel "entdecken Sie unsere
einzigartige Natur!", eine "einzigartige Region lädt ein", "hier finden
Sie einzigartige Erlebnisse". Da die Dinge, auf die sich die
Einzigartigkeit bezieht, abstrakt sind, bleibt es der Phantasie der
Leser überlassen, konkrete Bilder zu erschaffen. Ob die dann das sind,
was sich die Marketing-Texter wünschen, mag man bezweifeln.
Natürlich
gibt es Dinge, die wirklich einzigartig sind: das Besucherbergwerk F60,
das Schloss Sanssouci, die Markgrafensteine in den Rauener Bergen und
vieles mehr. Für wen aber alles und jedes "einzigartig" ist, dem fehlen
die Worte bei realen Attraktionen. Einzigartig ist auch die gebändigte
Auenlandschaft des Spreewaldes. Aber muss man dieses Wort im
touristischen Internet-Auftritt 382 (dreihundertzweiundachtzig) mal
strapazieren? Soll so der Beweis erbracht werden, dass "einzigartig"
doch zu steigern ist? Oder wird eher die Geduld der Leser bis in den
Tiefschlaf gesteigert?
Diagnose: Der Versuch, sich mit dem Wort "einzigartig" vor anschaulicher Beschreibung davonzustehlen, muss scheitern.
Therapie:
Da alles in der Natur irgendwie einzigartig ist, einfach mal vor jedes
Ding "einzigartig" schreiben. Das kann vielleicht helfen.
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| Baumelt hier einfach die Seele? |
Wie funktioniert die Einfachheit des Seins?
Seit ein paar Jahren kommt mir alles so einfach vor. Vor allem dann, wenn ich touristische Werbebroschüren lese. Da ist alles
g
a a n z einfach. "Einfach königlich" lese ich da und mißtrauisch
werde ich immer bei "einfach ausprobieren!" Am aller einfachsten ist es,
die Seele baumeln zu lassen (im Spreewald wird mir das im
Internet-Auftritt zwanzigmal versprochen). Eine grässliche Vorstellung,
die eigene Seele baumeln zu sehen. Mein Verstand sträubt sich auch
gegen Aufforderungen wie "einfach davonfliegen" (ein Flugzeug sollte
schon dabei sein), "einfach anmelden" (und wenn beim fünften Klingeln
immer noch keiner am Telefon ist?), "einfach genießen" (ja was denn?).
Oder: "Übernachten Sie einfach bei uns…" Dabei wäre mir zweifach lieber.
Oder ganz schlimm: "Einfach mitnehmen". Ist das nicht die Aufforderung
zu einer kriminellen Handlung? In meiner Vorstellungswelt hat
allenfalls Platz "einfach mal ausspannen". Ja, so etwas geht am besten
einfach.Übrigens: Das Wörtchen "einfach" bringt es im Internet-Auftritt
des Spreewaldes auf 68 Treffer. Mein Favorit: "Einfach mehr Spreewald!". Einfacher geht es nicht!
Dass
in der Werbung auf einmal alles so einfach ist, hat wohl damit zu
tun, dass das Leben immer komplizierter wird. Werbung packt diesen
irritierenden Sachverhalt in wohligen Schaum, schließlich muss die
EC-Karte geschmeidig bleiben.
Diagnose: Es gibt Wörter, da bekommt die Platte einfach einen Sprung.
Therapie: Mal darüber nachdenken, ob "einfach" und "Einfalt" etwas miteinander zu tun haben.
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| Liegt hier vielleicht Potsdam? |
Wieviel Kitsch verträgt Brandenburg?
"Potsdam
liegt auf einer idyllischen Insel". Das las ich vor Jahren in einer
Werbebroschüre für die brandenburgische Landeshauptstadt. Bis dahin wäre
mir zu Potsdam sehr viel eingefallen (einschließlich "Geschichte zum
Anfassen"), aber das Bild von einer idyllischen Insel, das ich seit der
Lektüre von "Robinson" mit mir herumtrage, gewiss nicht. Zumal die
"idyllische Insel" erst durch einen 1876 eröffneten Kanal zur Insel
wurde. Wenn ich allerdings glaubte, damit habe sich die
inhaltsleere Idylle erledigt, irrte ich. Auf nur wenigen Seiten las ich
neulich in einem Heft mit Ausflugstipps ins Brandenburgische bzw. ins
Mecklenburgische folgende Fügungen: "die idyllische Landschaft
Mecklenburg-Vorpommerns", "idyllische Fließe und Kanäle", "das
malerische kleine Dorf" " (Spitzweg lässt grüßen), "die malerische
Dübener Heide" (noch vor wenigen Jahren ein Truppenübungsplatz), die
"liebenswürdige Landschaft", "lievoll 'Bummelguste' genannt", der
"romantische Kaiserbahnhof", das "wildromantische Biosphärenreservat",
die "wildromantische Landschaft des Naturparks…", "die Bahn schlängelt
sich romantisch...", "Schiffsromantik pur", "gemütliche Ausfahrt",
"gemütliche Nähe", "verwunschene Moore"… Und noch besser: Im
Internet-Auftritt des Spreewaldes ergibt der Begriff "idyllisch" 115
(einhundertundfünfzehn!) Treffer. Was soll ich nur mit so viel
Kitsch anfangen? Losfahren etwa?
Diagnose: Wem es an konkretem Wissen mangelt, übertüncht seine Unkenntnis mit rosa-süßlichem Geplapper.
Therapie: Mal bei Fontane nachlesen, wie anschaulich und mit einfachen Worten er "wildromantische" Wälder beschrieben hat.
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| Im Venedig der Mark? |
Wo liegt das Märkische Mantua?
Wollen wir verreisen? Ab in den Süden! Erstes Ziel ist das
Märkische Mantua, dann besuchen wir das
Protestantische Rom und ruhen uns in
Klein-Paris aus. Die Rückreise führt uns nach
Elbflorenz, ins
Deutsche Manchester und schließlich nach
Spreeathen. Hier schauen wir uns die Skulpturen des
Michelangelo des Nordens an. Und weil es so schön war, fahren wir am nächsten Tag in die
Toscana des Nordens, machen zunächst
Station im
Märkischen Wuppertal und besuchen anschließend das
Märkische Rothenburg. Zu Erfrischung gibt es im
Newcastle der Mark (Fontane) ein Glas
Zitrone des Nordens.
Alles
klar? Noch einmal: Wir waren in Jüterbog, Lutherstadt Wittenberg,
Leipzig, Dresden, Forst und Berlin. Dort bestaunten wir die Figuren von
Andreas Schlüter. Dann ging es in die Uckermark mit Halt in Eberswalde
und Wittstock. Zu trinken gab in es im Storchendorf Linum Sanddorn-Saft.
Eigentlich war es schade, dass wir nicht im Spreewald waren, angeblich
dem "
grünen Venedig" oder auch dem "
kleinen Venedig" und dort Lehde "
das Venedig des Spreewaldes" besucht haben. Aber so viel Venedig hielten wir für ungesund. Zumindest das Café "
Venedig" in Lübbenau besuchen können.
Diagnose: Immerhin ist die Potsdamer Kulturlandschaft unbestritten das
Märkische Arkadien!
Therapie: Vielleicht reist mal jemand ins lombardische Jüterbog.
Falsch abgeschrieben
Ich
habe gerade in einer an Berliner Bahnhöfen ausliegenden Zeitung
gelesen, dass Heinz Rühmann und Marlene Dietrich (für alle
Spätgeborenen: zwei deutsche Schauspieler, der eine u.a. zu sehen in
Durchhaltefilmen der Nazis, die andere zur gleichen Zeit in
Unterhaltungsfilmen aus Hollywood) in "prunkvollen Villen" der Kolonie
Neubabelsberg "residiert" hätten. Nun könnte ich nörgeln, dass die
Bedeutung von "residieren" in Richtung "Hof halten" und "regieren"
geht, aber man kann es auch etwas tiefer hängen und mit "Wohnsitz haben"
übersetzen. Aber hatten Heinz Rühmann und Marlene Dietrich jemals ihren
Wohnsitz in der Villenkolonie? Eben nicht! Sie haben dort bei
Dreharbeiten in den nahen Studios ziemlich unspektakulär in einem
Gästehaus, der "Villa Lilienthal", übernachtet.Darin haben viel später
auch die großen Franzosen Gérard Philipe und Jean Gabin bei Dreharbeiten
für eine Ko-Produktion DDR-Frankreich für kurze Zeit gewohnt.
Die
Reduzierung der 100 Jahre Filmbetrieb in Babelsberg auf die beiden
genannten Schauspieler ist eine Krankheit, die sich seit Anfang der
1990er Jahre durch die Potsdam-Reiseliteratur zieht. Damals hatte Volker
Schlöndorff in Babelsberg das Sagen. Die Folge: Die Geschichte der
Filmstadt wurde im Zuge der damaligen
political correctness auf wenige Protagonisten verengt. Das hat sich zum Glück inzwischen - auch dank des Filmmuseums Potsdam - gegeben.
Diagnose: Schade, dass eine so facettenreiche Geschichte immer wieder simpel zurechtgestutzt wird.
Therapie: Nicht einfach abschreiben, es kann auch mal falsch sein.
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Gleich nach dem Urknall
Ach
wie bin ich froh, dass ich für diese Sünde niemanden in Brandenburg an
den Pranger stellen muss. Was sich die Kollegen von der Insel Rügen
während der ITB 2015 da leisteten, war schon ein starkes Stück: Sie
stellten einen Trabi vor den Süd-Eingang und schrieben in großen Lettern
dazu, dass Rügen seit 25 Jahren ein Urlaubsland sei. Sind denn etwa die
langen Trabi-Kolonnen vergessen, die, seit es Trabi gibt, über den
Rügendamm auf die Insel rollten? Sind die Millionen DDR-Bürger
vergessen, die notgedrungen Rügen gegen Mallorca tauschten? 25 Jahre
Urlaubsland - die Tourismusvermarkter auf Rügen sind ja offenbar nur
neidisch auf die Nachbarinsel Usedom, die sogar mit Kaiserbädern wirbt.
Wenn die Zeit vor 1990 nicht existiert, dann gab es auch keinen Kaiser.
Basta!
Aber bitte keine Häme auf die Vorpommern, wo
vielleicht der Urknall ein paar Milliarden Jahre später als im Rest des
Universums stattgefunden hat. Wer sich im Internet die Ortschronik
mancher brandenburgischen Kommune ansieht, wird nicht seltenen ein
Nichts zwischen 1945 und 1990 entdecken. Jener Zeitraum nämlich, in dem
das Leben nicht stattfinden durfte. Das begann erst wieder, als die
Familien
von Blaublut auf die angestammten Ländereien zurückkehren konnten und die Herrenhäuser nicht länger als Kindergarten missbraucht wurden.
Diagnose: Geschichtsvergessenheit nervt.
Therapie: Einfach mal daran denken, dass Geschichte immer und zu jeder Zeit stattfindet. Sie verschwindet nicht, wenn man sie wegdenkt.
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| Die einzigartigste Baumblüte von Werder? |
Da geht noch was: voll, voller, am vollsten
Als ich von der wechselvollsten Geschichte eines Turms las, nahm ich mir vor, den
Superlativ aufs Korn zu nehmen. Gerade in werbenden Texten kommt man - so scheint es - selten
ohne ihn aus. Zu Glück liest man die Klassiker der Einzigste, einzigartigst oder gar einzigstartig inzwischen sehr selten. Also noch einmal zu wechselvollst. Gesteigert werden soll hier wohl der Wechsel,
der besonders häufig und heftig eintrat. Also eigentlich wechselstvoll? Aber wer
spricht denn so? Das "st" lassen wir daher besser generell beiseite.
Schließlich ist dreist auch nicht der Superlativ von drei. Auch wenn wir die eigene Bedeutung nicht hochgenug
überschätzen können, sollten wir auf bedeutungsvollst verzichten.
Und auch auf die Steigerung sorglos, sorgloser, am sorglosesten.
Es gibt übrigens noch
andere Formen, einen Superlativ zu bilden, die alle ohne "st"
auskommen. Wenn wir Super-Angebote haben mit Mega-Schnäppchen zum Beispiel. Auch Jahrhundert-Hochwasser
enthält einen übertreibenden Superlativ.
Denn es ist ein Hochwasser, wie es ungefähr alle sieben Jahre vorkommt
und Profi-Wetterfrösche meinen, künftig kommt es noch viel häufiger..
Übertreibungen helfen uns also in keinster Weise, die
Glaubwürdigkeit unserer Texte zu sichern.
Diagnose: Superlative
passen zur Marktschreierei, nicht aber zum ansprechenden Marketing. Siehe auch oben zur Steigerung von "einzigartig". Therapie: Wer
das richtige Wort findet, braucht in den seltensten Fällen auch noch eine
Steigerung.
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| Nicht gucken, sondern staunen |
Wie soll ich auf Spuren wandeln?
"Was
man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen".
Diese häufig zitierte Stelle aus Goethes "Faust" würde heute geschrieben
vielleicht am Schluss so lauten: … kann man getrost nach Hause
schleppen." Denn unsere Sprache wird immer schwerfälliger und
umständlicher. Aus "Wetter" wurde "Wettergeschehen", aus "es regnete"
wurde "es ging Regen nieder", aus "alles ist möglich" wurde "alles liegt
im Bereich der Möglichkeiten". Auch in touristischen Texten machen sich
Schwulst und Behäbigkeit breit. Besonders schlimm: Man
wandert nicht mehr auf den Spuren, sondern man
wandelt
auf ihnen. "Wandeln Sie auf den Spuren von Caspar David Friedrich," hab
ich gelesen. Wenn man bedenkt´, dass "wandeln" im Wortsinn ein
"zielloses Umhergehen" ist, wirkt diese Aufforderung ziemlich daneben.
In derartigen Texten wird nichts mehr einfach mal angesehen, es wird
"bestaunt". Ein Ort gefällt nicht mehr, er "besticht". Pech nur, dass
ich unbestechlich bin.
Und dann soll ich auch
"flanieren", wo ich ansonsten nur unhergegangen wäre. Aber diese
Aufforderung nehme ich gern an. Schließlich war in den 1920er Jahren der
Flaneur jemand, ohne den das anspruchsvolle Feuillton nicht auskam.
Walter Benjamin, Ludwig Sternaux, Georg Hermann, Franz Hessel - alles
Flaneure, die es zu etwas gebracht haben. Sie gingen ohne Plan durch die
Großstadtstraßen, beobachteten und schrieben auf.
Diagnose: Oft sind Schreiber am Werk, die vor der eigenen Wichtigkeit auf die Knie fallen.
Therapie: Daran denken, dass auch in touristischen Werbetexten nicht der Schreiber die Hauptfigur ist, sondern der Leser.
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| Ein Ort zum Verweilen? |
Was ist die
Lieblingsbeschäftigung des Brandenburg-Besuchers? Er verweilt. Auf Parkbänken,
an Badestränden, an Bächen, in Gaststätten - es gibt keinen Ort, an den er
nicht zum Verweilen eingeladen wird.
Niemand weiß, was er dort tut, während er verweilt. Anders ist es beim
"Weilen". Wichtige, meist staatstragende Persönlichkeiten weilen
irgendwo. Und wir ahnen gleich, was sie dort Wichtiges tun: Sie führen wichtige
Gespräche, halten wichtige Reden, streichen wichtig über die Haare kleiner
Kinder und so weiter. Aber was tut man beim Verweilen? Vielleicht sogar
etwas Unwichtiges, gar Falsches, wie man bei der Vorsilbe "ver"glatt
vermeinen könnte - wie beim Versprechen, Vergessen, Vereiteln, Vermasseln?
Wer
kann uns bei des
Rätsels Lösung helfen? Goethe! Denn ihm verdanken wir die Aufforderung,
alle Nasen lang zu verweilen. "Faust", 1. Teil, Studierzimmer:
" Zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so
schön!" Verweilen hier also als Sammelbegriff für "das Leben genießen".
Nur schade, dass dieser Satz, der in vielen Zitatensammlungen vorkommt, eine
glatte Fälschung ist. Denn was Faust zum Mephisto bei Goethe wirklich sagt,
lautet im Ganzen: " Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch!
Du bist so schön! Dann magst du mich in
Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn!" So also steht Verweilen für die negativste aller
Lebenshaltungen: für Müßiggang, Bequemlichkeit, Nichtstun, das Ende allen Strebens. Zur Gegenprobe: Das
Gegenteil von "verweilen" ist aufbrechen, verreisen, losziehen,
wandern, umherziehen, fortgehen. Das also, was Touristen eigentlich tun.
Diagnose: Vom alten Goethe lernen wir: Wer verweilt, den mag
der Teufel holen. Therapie: In Zitatensammlungen nicht alles glauben.
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| Wie kann man das nicht lieben? |
Brandenburg - was ist das eigentlich?
"Brandenburg"
- an was denken Leute in Tokyo, Buenos
Aires oder Kaptstadt, wenn dieser Begriff fällt? Mit großer
Wahrscheinlichkeit leuchten beim Klang
des Wortes die Augen auf. Denn man war ja dort, oder hat
es zumindest auf Bildern gesehen: das Brandenburger Tor. In Berlin.
Nein, das Land Brandenburg kennen sie nicht. Aber von Potsdam haben sie
schon gehört? Aber ja! Dass dort außer Sanssouci auch die
Landesregierung von Brandenburg zu finden ist - wer hätte das gedacht.
Dabei hat Brandenburg - reiseland-brandenburg sei
Dank - als Reiseziel einiges zu bieten. Hoffentlich verstehen unsere
internationalen Freunde so wenig Deutsch, dass ihnen Rainald Grebes
Brandenburg-Lied nichts anhaben kann: "Nimm Dir
Essen mit, wir fahrn nach Brandenburg…" Er meint es ja nicht so, er will
doch nur singen. Auch mit
"Wolferwartungsland", "Braunkohleland" und "Kasernenland" kann und darf
nicht unser liebes Brandenburg gemeint sein. Dann schon eher "märkische
Streusandbüchse". Denn diesem schon Jahrhunderte alten Begriff kann man
die vielen Parks und Gärten, die riesigen Wälder und selbst die
blühenden Heidelandschaften, die einst Manövergelände oder
Braunkohlentagebaue waren, gegenüberstellen."Märkische Heide, märkischer
Sand..." singen wir, wenn uns patriotisch zumute wird.
Allerdings
sollte man sich davor hüten zu glauben, dass der Begriff Brandenburg
bei potenziellen Touristen automatisch Emotionen auslöst wie es die
Wörter Tirol, Toscana oder gar Trinidad tun. Wenn es um
Brandenburg geht, kommt es darauf an, schnell konkret zu werden, den
Begriff mit Bildern und Geschichten zu untersetzen, die dem Auge und dem Ohr schmeicheln. Also ans
Werk! Und nicht vergessen: Brandenburg ist viel, viel mehr als die grün/blaue Ummantelung von Berlin.
Diagnose:Brandenburg ist ein eigen-, aber auch gutwilliger Patient.
Therapie: Schlag nach bei Fontane (siehe unter "jetzt wird es literarisch").
"Selbst Fürsten und Könige"- und ich?
Autoritätsbeweise
haben einen großen Vorteil: Man muss selbst nicht argumentieren, muss
keine Fakten zusammentragen, kann sich die Suche nach blumigen
Eigenschaftswörtern sparen. Schließlich waren Monarchen, Dichterfürsten
und andere Promis schon einmal dort, wo nun auch der geneigte Leser der
Werbebotschaft hingelockt werden soll. Gerade in Brandenburg sind wir um
solche Autoritäten nicht verlegen. 500 Jahre Hohenzollern-Herrschaft in
der Mark Brandenburg haben jede Menge gekrönte Häupter in die Gegend
gebracht. Und keiner hat für die Dachmarke "Mark Brandenburg" samt der
Marken "Grafschaft Ruppin, Oderland, Havelland und Spreeland" so viel
geleistet wie Theodor Fontane. Ein größerer Zitaten-Schatz ist kaum
denkbar.
Diese Autoritätsbeweise haben nur einen
kleinen Haken. Kaum jemand weiß etwas über jene, die da aus der
Geschichte hervorgezerrt werden. Sagt es wirklich etwas aus, wenn man
erfährt, dass "selbst Fürsten und
Könige" aus dieser oder jener Quelle getrunken haben? Die das taten,
waren eigentlich bedauernswerte Geschöpfe, denn sie litten an der
Erbkrankheit der Hohenzollern, der Gicht. An jeden Strohhalm haben sie
sich geklammert auf der Suche nach Linderung. Ein Beweis für die
Qualität heutiger Wellness-Programme? Oder Fontane. Wer hat schon seine
"Wanderungen durch die Mark Brandenburg" gelesen? Empfehlen kann man sie
über weite Strecken eigentlich nicht. Die langen Beschreibungen der
Familiengeschichten des preußischen Landadels, von Schlachten aus lange
vergangener Zeit - wer findet das
erbaulich? Aber es gibt darin auch Naturbeschreibungen, die große
Literatur sind. Wir können viel lernen beim alten Fontane. Aber als
Wunderheiler taugt er nicht.
Diagnose: Zu viel Autoritätsgläubigkeit kann nicht gesund sein.
Therapie: Vielleicht ist es besser, die Autorität in uns selbst zu suchen.
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| Wie tief darf man sich fallen lassen? |
Lasse ich mich...?
Ach
ja, das Leben kann so schön sein: lassen Sie sich verzaubern, lassen
Sie sich verwöhnen, lassen Sie sich hinreißen, lassen Sie sich
begeistern, lassen Sie sich gehen. Lassen Sie sich einlullen.
Grammatikalisch sind das Passivkonstruktionen. Im wahren Leben soll mit
derartigen Aufforderungen auch Passivität hergestellt werden. Wer will
an den schönsten Tagen des Jahres
nicht alles fallen lassen. Nach einem Jahr der dauernden Anspannung
endlich sich fallen lassen.
Oder sind uns nicht aktive
Touristen viel lieber? Jene, die viel unternehmen, die erlebnishungrig
sind und nach neuen Eindrücken dürsten? Eben jene, die ihren freien
Willen nicht an der Garderobe abgeben. Außerdem hat dieses "lassen sie
sich" einen schlechten Beigeschmack. Es klingt unangenehm nach "lassen
sie sich das Geld aus der Tasche ziehen."
Diagnose: Sich fallen zu lassen, kann schön sein, aber nicht, fallen gelassen zu werden.
Therapie: Immer daran denken: Touristen sind denkende, selbstbestimmte, gern frei handelnde Menschen.
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| Unzählig viele Cafés? |
Wer mag schon bis 3 zählen?
Wollte
schon jemand Sie mit dem Wort "unzählig" zu beeindrucken? Unzählige
Seen soll es in Brandenburg geben. Sind das nun mehr oder weniger als
die berühmten 1000 Seen in Finnland? Und was sollen Sie mit unzählig
vielen Seen anfangen? Drei würden es doch auch schon tun - für ein
erfrischendes Bad an einem schönen Sommertag, wenn das Wasser klar ist
und der Himmel blau! Unzählige Wanderwege, unzählige Möglichkeiten der
Erholung, unzählige Reiterhöfe…. und so weiter.
Für was
steht "unzählig" eigentlich? Für "unzählbar", weil viel zu viele - wie
die Sterne am Himmel und der Sand am Strand. Oder für so viele, dass
sich das Zählen nicht lohnt - wie die Bäume im Wald und die Wörter beim
Kaffeeklatsch. Bis dahin ist noch alles okay. Aber was soll die
Nachricht, rund um das Nauener Tor in Potsdam gebe es "unzählige Cafés
und Restaurants"? Das hab ich wirklich gelesen. Entweder ist da jemand
zu faul zum Zählen oder hat das Zählen niemals gelernt. "Unzählig"
führt ins Vage, Unverbindliche, Diffuse, Schemenhafte, letztlich auch
Fragliche. Werbung aber geht anders. Oder haben Sie schon mal gehört:
"Unser Auto besteht aus unzählig vielen Teilen, damit Sie unzählig viele
Kilometer pannenfrei fahren können." Aber in der Tourismuswerbung ist
alles möglich, auch unzählig viel Stuss.
Diagnose: Hier will jemand eine Qualität durch eine Quantität ausdrücken und schleicht sich um Zahlen herum.
Therapie: Immer wieder üben, bis 3 zu zählen.
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| Nicht nur Kultur, sondern auch Natur? |
Nicht nur - und dennoch...?
Neulich
las ich im Fahrplan einer tüchtigen Reederei: "Unsere Schiffe starten
vom Hafen xyz jedoch nicht nur zu Rund- und Kaffeefahrten nach zyx,
sondern auch zu Schleusenfahrten, Tagesfahrten sowie Erlebnisfahrten mit
Tanz und guter Laune." Ich kann nur hoffen, dass alle gutmeinenden
potenziellen Fahrgäste den Satz bis zu Ende gelesen haben. Denn nur so
konnten sie dem Missverständnis entrinnen, dass die Schiffe nicht
fahren. Manche Texter - gerade im Tourismus-Marketing - lieben die
Pirouette "nicht nur": "nicht nur Wälder, sondern auch Seen", "nicht nur
Natur, sondern auch Kultur" usw. Soll das Werbung sein? Kein Bäcker
käme auf die Idee, vor seinem Laden zu plakatieren: "Nicht nur
Schrippen, sondern auch Brot". Er hätte viel zu viel Angst, die
Passanten könnten beim flüchtigen Blick auf sein Schild zu der Meinung
kommen, die Schrippen wären ausverkauft. Man stelle sich vor, anstatt
"nicht nur Wälder, sondern auch Seen" könnte man lesen: "und mitten in
den Wäldern Seen, die zum Baden einladen".
Die Unsitte
mit "nicht nur…, sondern auch" wird vollends zur Unmöglichkeit, wenn
daraus noch ein gewaltiger Satzrahmen gebastelt wird. Etwa so: "Wir
bieten nicht nur Kahnpartien, die sich seit Jahren einer wachsenden
Beliebtheit erfreuen und daher häufig ausverkauft sind, weshalb eine
rechtzeitige Voranmeldung empfohlen wird, sondern auch geführte
Radwanderungen." Das muss man schon dreimal lesen, um zu begreifen,
warum die Nicht-Kahnpartien häufig ausverkauft sind. Gibt es einen
Grund, die Leser derart zu quälen?
Diagnose:
Schnörkel, auch in der Sprache, bewegen sich nach vorne, nach hinten,
wieder nach vorne, wieder nach hinten. Wer's liest, ist selber schuld.
Therapie: Bedenken, dass Werbung etwas vermarkten will, nicht aber nicht etwas.
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| Ist er/sie an allem schuld? |
Der Mensch und die Menschin. Muss Gendern sein?
Auch wenn es üblich geworden ist, dass viele
Autoren menschliche Wesen nach ihrem Geschlecht getrennt benennen (und sich dabei eine sexistische Denkweise nachsagen lassen),
bleibt das Brandenburg-Projekt dabei, dass man Menschen durchaus in
ihrer Gesamtheit benennen sollte.
Zumindest wenn im Kontext das
Geschlecht keine
vordergründige Rolle spielt. Oder sollte man sagen: "der Streik der
Lokfüherinnen und Lokfüherer" bzw. "der LokfüherInnen-Streik"? Heißt die
Berufs-bezeichnung künftig gar "Lokomotivführende"? Aber es könnte
durchaus heißen: "Unsere Lokführerinnen und Lokfüher sind sich ihrer
Verantwortung für die Sicherheit der Fahrgäst sehr bewusst."
Man
muss unseren Vorfahren, denen wir die
heutige Sprache verdanken, keine frauenfeindliche Boshaftigkeit
unterstellen, wenn sich dabei sehr häufig grammatikalisch männliche
Geschlechtsbezeichnungen ergeben. Oder sollte ein tieferer Sinn liegen
in: die Sonne / der Mond; die Elbe / der Rhein; der Gast und ganz
schlimm: das Mitglied. Und so stellt sich die Frage, warum
manche Politiker permanent von "Wählerinnen und Wählern" sprechen, wenn
doch alle
Stimmen gleich sind? Oder doch nicht?
Diagnose: "Politische Korrektheit", die nervt.
Therapie: Mal nicht immer nur an den kleinen Unterschied denken.
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| Ein Kasernenhof in Potsdam |
Kommen Sie endlich!!!??
"Kommen
Sie zu uns! Sie werden sich hier wohlfühlen! Und bestimmt nicht wieder
weg wollen!“ Zugegeben, das ist kein Originalzitat. Aber denkbar wäre
sie doch, diese unbändige Liebe zu den Ausrufezeichen. Gerade in Texten,
die für touristische Ziele werben sollen. Dort haben Ausrufezeichen
jedenfalls zur Zeit Konjunktur. Erklären lässt sich das damit, dass hier
jemand derart von den touristischen Qualitäten seines Ortes überzeugt
ist, dass er/sie es laut in alle Welt hinausposaunen muss. So laut, dass
es möglichst jeder hört. Als wolle er/sie das Herbeiströmen der
Touristen auf dem Befehlswege ankurbeln.
Pech nur, dass
aus einer Werbebroschüre keine Töne herauskommen. Da nützen noch so
viele Ausrufezeichen nichts. Der Text wird durch diesen kleinen Strich
mit dem Punkt darunter weder eingängiger noch glaubwürdiger. Im
Gegenteil, es ist zu befürchten, dass sich manche Leser, die eine
natürliche Abneigung gegen Befehle haben, der weiteren Lektüre
entziehen.
Diagnose: Wir haben es hier mit einem stark ausgeprägten Kasernenhof-Syndrom zu tun.
Therapie: Ein ganzes Schulheft mit Punkten vollschreiben. Mit großen und kleinen. Das übt.
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| Schaun wir mal |
Wie nah ist hautnah?
Neulich
sollte ich „hautnah die Natur erleben“. Man wollte mich mit einem Flyer
zu einer Wanderung rund um einen brandenburgischen See überreden.
Anfangs hatte ich mir bei dieser Formulierung nichts weiter gedacht. Man
hat sie schließlich schon hundertmal gelesen. „Hautnah“ ist die
Kurzform von „ganz dicht dabei“ und gegen „Natur“ ist auch nichts
einzuwenden. Wo ist das Problem? Die Antwort: „hautnah“ und „Natur“
passen überhaupt nicht passen. „Hautnah“ verlangt nach etwas, dem ich
sehr nahe kommen, das ich anfassen, berühren kann. Ist Natur so etwas?
Eher selten, denn Natur ist ein abstrakter Begriff mit einer gewaltigen
Bandbreite an Konkretem – die Wolken, die Meere, die Felder, die Berge,
die Bäume, die Hechte, die Spatzen, die Ameisen, die Regenwürmer, alles
das ist Natur. Wenig davon will oder kann ich ganz nahe an meine Haut
lassen.
Bilder in Texten sind eine feine Sache. Sie
können die Fantasie anregen, das Weiterdenken initiieren, und sie sorgen
im Gehirn für eine längere Verweildauer des Gedankens. Bilder aber
müssen stimmen, ihre Komponenten müssen zueinander passen. In unserem
Fall ist nicht „hautnah“ das Problem, sondern die „Natur“. Ein Begriff
von so hoher Abstraktheit macht jeden Versuch, ihn in einer Metapher zu
verarbeiten, zum aussichtslosen Unterfangen.
Diagnose: Heiße Wortspiele können unter die Haut gehen und einen eiskalt erwischen.
Therapie: Sprachbildern ist besser einmal mehr zu misstrauen.
Hält doppelt besser?
Dieser
Text ist ein Plädoyer für Wortwiederholungen und gegen die sinnlose
Suche nach Synonymen. Was hat der Lehrer einst gesagt? Bei
Wortwiederholungen im Aufsatz gibt es in Ausdruck eine 5 . Also
schreiben wir nicht: "Unser Ausflug ins Brandenburgische brachte von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang viele schöne Erlebnisse." Nein,
zweimal Sonne in einem Satz, das geht gar nicht. Deshalb schreiben wir:
"Unser Ausflug ins Brandenburgische brachte von Sonnenaufgang bis zum
Untergang unseres leuchtenden Zentralgestirns viele schöne Erlebnisse."
Gewonnen, Ausdruck: 1. Und gleich noch ein zweiter Versuch: "Der
Reisekaiser fuhr in seinem Salonwagen von seinem Potsdamer
Kaiserbahnhof mal zum Kaiserbahnhof nach Brühl, mal zum Kaiserbahnhof in
die Schorfheide…." Nein, wir können es besser: "Der Reisekaiser fuhr in
seinem Salonwagen von seinem Potsdamer Monarchen-Bahnhof, mal zum
Gekrönten-Häupter-Haltepunkt nach Brühl oder zum Herrscher-Bahnstopp in
die Schorfheide…" Der Satz ist doch gekonnt! Nur einmal Kaiser und nur
einmal Bahnhof. Im Ausdruck also eine glatte 1.
Dabei
können Wiederholungen helfen, den Kern einer Aussage zu betonen. Sie
bekräftigen das Geschriebene, die können den Sätzen Kraft verleihen.
Warum wohl fängt in der Bergpredigt jeder Satz mit "Selig sind…" an?
Warum haben das Generationen von Deutschlehrern das durchgehen lassen?
Und außerdem bewahren uns Wortwiederholungen vor manchmal blödsinnigen
Synonymen, die die Verständlichkeit gen Null tendieren lassen. Zum
Beispiel wenn aus der Bundeskanzlerin die "Uckermärkerin" wird oder aus
einem Hotel ein "Beherbergungsunternehmen" oder aus Brandenburg die
"Berlin-Region".
Diagnose: Es ist doch
seltsam, was man so alles aus der Schulzeit vergisst. Aber das
Wortwiederholungs-Verbot bleibt hängen. Keine Ahnung warum.
Therapie: Es lebe die sinnvolle Wortwiederholung!
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| Alles nur Kulisse? |
Was verbirgt sich hinter der Kulisse?
Es
war der 13. Juli 1957. Das Naturtheater in Steinbach-Langenbach im
Thüringer Wald wurde mit Schillers " Räubern" feierlich eröffnet. 3000
Besucher waren gekommen. Darunter meine Eltern mit mir. Mitten in der
Vorstellung ereilte es mich. Ich brauchte einen Baum. Davon gab es rund
um das Naturtheater mehr als genug. Also suchte ich mir einen in der
Nähe aus. Und da geschah es. 4. Akt, 5. Szene, neuer Spielort: In einem
Gefängnisturm wird der gefangene Max Moor mit Nahrung versorgt. Da hebt
sie an, die ohrenbetäubende Stimme des alten Moor - gleich neben meinem
Baum am Waldrand… Seit dieser Zeit habe ich großen Respekt vor Kulissen.
Man weiß nie, was sich nebenan verbirgt.
Derzeit ist
die Kulisse zum Modewort in der Tourismuswerbung avanciert. Aktuelles
Beispiel: "Wälder, Seen und Moore (!) bilden eine atemberaubende Kulisse
für ihren Boots-, Radel- oder Wanderausflug." (das "ODER" in diesem
Satz erinnert mich an den "Arzt oder Apotheker" und ich frage nur: na,
wer denn nun?) Aber um den atemberaubenden Charakter dieser "Kulisse"
kann es nicht so weit her sein, wenn noch Puste für ein Triathlon mit
Boot, Rad und/oder Wanderstock bleibt. Aber wozu auch Puste, wenn
Wälder, Seen und Moore (!) doch nur eine Kulisse bilden? Ein anderes
Beispiel: "Die zwei charakteristischen Türme mit dem Säulengang am Ufer
des Grienericksees, das ist die traumhafte Kulisse von Schloss
Rheinsberg." Nun mal Butter bei die Fische. Eine Kulisse ist ein
Hintergrundbild. VOR einer Kulisse kann ich eine ganze Menge anstellen,
sehr wenig aber IN einer Kulisse. Dort kann ich mich nur unsichtbar
machen. So wäre der Grienericksee samt dem Obelisk auf der anderen
Uferseite die traumhafte Kulisse für Schloss Rheinsberg. Nicht aber die
Türme des Schlosses. Ein Ding im Vordergrund kann nicht seine eigene
Kulisse sein. Rein physisch.
Diagnose: Schade um die schönen Landschaften, die für alles Unmögliche missbraucht werden.
Therapie: Vorsicht mit Worten, die wie hohe Kunst klingen, aber reiner Theaterdonner sind.
Wünsch mir was?
Gehören
Sie auch zu den regelmäßigen „Tatort“-Zuschauern? Spannung am
Sonntagabend erleben, Nervenkitzel, Andrena-linstöße. Aber wie ist das,
wenn jemand „spannende Ferientage“ verspricht? Und wenn das auch noch
jemand ist, der für die Organisation von angenehmen Urlaubsaufenthalten
zuständig ist? Schwierig. Man kann nur hoffen, das Versprechen ist in
einem sehr, sehr übertragenen Sinne gemeint ist. Bei einer Fahrt ins
Blaue gehört ja ein gewisses Spannungsmoment ins Programm. Aber bei
einer organisierten Reise wünscht man sich allerdings keine
Überraschungen. Und positive Überraschungen? Die dürfte es eigentlich
nicht geben, weil sie im Urlaub der Normalzustand sein sollten. Es sei
denn, die Erwartungen waren so niedrig angesetzt, dass bereits ein nicht
knarrendes Bett eine spannende Überraschung wäre.
Es
gibt noch andere Wünsche, von denen man nicht weiß, wie sie gemeint
sind: „erlebnisreiche Tage“, „eine fesselnde Kreuzfahrt“, „mitreißende
Stunden am Strand“, „atemberaubende Ballon-fahrten“, „einen packenden
Bummel über den Basar“. Und das alles, um bewegende Eindrücke mit nach
Hause zu bringen. Nervenkitzel pur.
Diagnose: Der Grat zwischen Wunsch und Verwünschung kann sehr schmal sein.
Therapie: Malt den Teufel nicht an die Wand!
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| Erwischt: ein Fischadler im Oderbruch |
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Wieviel Glück ist "etwas Glück"?
Ich
muss nur während einer Quizsendung eine Telefonnummer wählen, die
einfachste Frage der Welt richtig beantworten, und "mit etwas Glück"
sitze ich demnächst auf einem Kreuzfahrt-schiff in der Karibik. Wir alle
haben uns angewöhnt, diesem " Glück" zu misstrauen. Rund 100.000
Zuschauer werden ebenfalls anrufen und meine Gewinnchance gegen Null
tendieren lassen. Wie gesagt, diese Art von Glück ist Werbe-sprech vom
Schlimmsten, aber wir nehmen es noch nicht einmal übel, denn wir haben
genügend Mechanismen entwickelt, derartige Floskeln schnell im Kopf zu
entsorgen. Kürzlich durfte ich in einer Werbe-broschüre eines großen
Verkehrsunternehmens lesen, dass ich "mit etwas Glück" in einem
nordbrandenburgischen Naturpark Fischotter, Biber, Seeadler und
Schwarzstörche beobachten kann. Also Leute, fahrt los!
Ist
das mit der Tierbeobachtung etwa ähnlich ernst gemeint wie das Glück
beim Telefonquiz? Von den extrem seltenen Schwarzstörchen gibt es in
Brandenburg 0,2 Revierpaare pro 100 km². Im Gegensatz zu ihren weißen
Verwandten brüten die Schwarzstörche versteckt in Baumkronen dichter
Wälder. Und der Seeadler? Er war vor einigen Jahrzehnten in Europa fast
ausgerottet. Langsam erholt sich der Bestand, bundesweit sind es ca. 500
Brutpaare. Aber nach wie vor ist die Störung der Brut durch den
Menschen die größte Gefahr für ihn. Dem Biber zu begegnen, ist da schon
eher möglich. Fast 3000 von ihnen soll es in Brandenburg geben. Um sie
beim Hausbau zu erleben, sollte man allerdings aufs Wasser, um von dort
dem Treiben am Ufer zuzuschauen. Rangers in den Naturparks kennen die
Stellen. Fischotter in freier Wildbahn zu erleben, ist hingegen extrem
selten. Selbst für versierte Tierfilmer sind Bilder von einem Fischotter
wie ein Sechser im Lotto. Womit wir wieder beim Glück angekommen sind.
Diagnose. Hier werden gutgläubige Touristen in den Wald geschickt.
Therapie: Mit etwas Glück finden die Leser allein heraus und entsorgen derartige Tipps ganz schnell im Kopf.
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| Zum Glück nur ein Anzeigefehler |
Leider Gottes?
Wer
viel reist (nicht nur in Brandenburg), bekommt häufig das Wort "leider"
zu hören. Allermeistens kommt es aus Bahnhofs-Lautsprechern. "Wegen
Beseitigung eines Blindgängers hält dieser Zug leider nicht in Potsdam."
Was will uns der Laut-Sprecher mit dem Wörtchen "leider" sagen? Dass er
es eigentlich ganz anders gewollt hat, aber nichts gegen die
Zug-Umleitung machen kann? Dass der Krieg, der vor 70 Jahren zu Ende
ging, "leider" nun einmal stattgefunden hat? Dass die Bombe damals im
April 1945 "leider" nicht - wie sie sollte - explodiert ist und dabei
Menschen in den Tod gerissen hat? Und dass wir jetzt "leider" immer noch
mit diesem Schlamassel leben müssen? Es muss ja nicht gleich eine
Bombe sein. "Wegen Bauarbeiten an der Straße ….. ist leider eine
Umleitung erforderlich?" Warum will mir da unbedingt jemand seinen
Gemütszustand aufdrängen? Etwa: "Ich leide ja mit dir!" Dabei sind
Bauarbeiten das Normalste auf der Welt und dass sich Umleitungen
ergeben, auch. Man verschone mich also mit "leider". Ändern kann es eh
nichts.
Warum lieben die Deutschen das Wörtchen
"leider" so sehr? Weil sie so gern öffentlich leiden? Weil sie dem
ansonsten häufigen Kasernenhofton so gern etwas entgegensetzen wollen?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil "leider" so leicht über die Zunge
geben. Wie sehr müssen sich da andere Völker anstrengen: "unfortunately"
die Engländer/Amerikaner, "malheureusement" die Franzosen,
"lamentablemente" die Spanier, "soschaleniju" die Russen… Leider gehört
"leider" zu den leichteren Wörtern in der deutschen Sprache.
Diagnose: Leider verirren sich Gefühlsausbrüche in die Sprache, wenn sie gerade nicht gebraucht werden.
Therapie: Leider Gottes ist kein Gegenmittel in Sicht.
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| Wieviel Fußballfelder sind das? |
Ist ein Katzensprung weiter als ein Steinwurf?
Der
Park Sanssouci ist etwas so groß wie 290 Fußballfelder. Zum Glück
konnte ich einen derartigen Vergleich noch nicht lesen. Aber wie gesagt -
zum Glück, denn möglich wäre es wohl. Der Vergleich mit den
Fußballfeldern ist derzeit so beliebt, als sei das Fußballfeld das Maß
aller Dinge. Richtig doof ist er ja auch nicht, dieser Vergleich, denn
wer kann sich schon die Fläche eines Hektar vorstellen? Vielleicht ein
Mähdrescherfahrer, aber dann hört es schon auf. Und wer kann sich ein
Fußballfeld vorstellen? Ein Fußballfeld darf maximal in der Länge 120
Meter und in der Breite 90 Meter messen. Das sind 10.800 Quadratmeter.
Also etwas mehr als ein Hektar. Nur ist damit nicht alles geklärt, denn
ein Fußballfeld darf lauf DFB im Minimum 90 Meter lang und 45 Meter
breit sein. Das wäre dann ein halber Hektar - oder 580 Fußballfelder für
Park Sanssouci. Denkbar sind auch jede Menge Zwischengrößen. Was jetzt?
Wir nehmen einfach an, gemeint ist das große Feld. Das, auf dem die
Bundesliga unterwegs ist. Aber ganz schwierig wird es, wenn jemand in
seinem Vergleich nicht "Fußballfeld" sagt, sondern "Fußballplatz". Dann
versagt jede Rechenkunst.
Über die wahre Länge von
Entfernungen wie "ein Katzensprung", "ein Steinwurf" ("die Schorfheide -
einen Steinwurf von Berlin entfernt") oder "nur ein paar Schritte"
unterhalten wir uns ein andermal. Und nicht alles, was "Lichtjahre
entfernt" ist, bleibt für uns völlig unerreichbar. Zum Glück.
Diagnose: Entfernungsangaben können Glücksache sein.
Therapie: So genau wollen wir es ja oft gar nicht wissen.
Ich, du, er, sie es… Oder wer?
Wie
soll man die potenziellen Gäste in einer Werbebroschüre anreden? Mit
SIE ("Kommen Sie zu uns und Sie werden Ihre helle Freude haben.")? Da
sieht man ihn doch gleich vor sich, den servilen Krawattenträger, der
einem so lange freundlich gesinnt ist, wie die Unterschrift unter dem
Vertrag noch nicht trocken ist. Außerdem ist die Grenze zwischen
freundlicher Aufforderung und harschem Befehl fließend, wenn die
dazugehörige Stimme fehlt. Und wie wäre es mit einem modernen DU? Bei
Jugendherbergen und Surfschulen völlig okay. Ansonsten müssen wir
Deutschen uns eingestehen, dass es uns nicht leicht fällt, den
Skandinaviern zum gemeinschaftlichen DU zu folgen (zumal ja das SIE
formal in den nordischen Sprachen - im Gegensatz zum Englischen - noch
existiert).
Nun zwei andere Möglichkeiten: erstens,
ICH erzähle von MIR. Daraus kann sich ein netter Plauderton ergeben. Da
gibt sich entweder jemand als Insider zu erkennen und erzählt, was er so
alles weiß. Oder ein anderer hat schon mal ausprobiert, das die Gäste
so alles erwartet. Mit Geist und Witz werden die Leser ins Geschehen
gezogen und können sich im guten Sinne treiben lassen. Bedauerlich nur,
wenn dieses "ICH" keinen Namen und kein Gesicht erhält. Da bleibt immer
etwas Misstrauen zurück. Die zweite Möglichkeit, das WIR. Hierbei bilden
Gäste und Gastgeber eine große Gruppe und werden gemeinsam auf Reisen
geschickt. Die einen nehmen die anderen quasi bei der Hand und begleiten
sie erlebnisreich durch die Reiseregion. Damit es funktioniert, darf
auch das Wörtchen SIE eine Rolle spielen. Auf diesem Wege sollte sich
schnell gegenseitige Sympathie einstellen.
Diagnose: Solange der Gast das unbekannte Wesen ist, ist die richtige Anrede schwierig.
Therapie: Jede Anrede ist besser als gar keine.